PD Dr. Ulrich Thielemann

Geboren 1961 in Remscheid (Deutschland).
1982 – 1988 Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universität – Gesamthochschule Wuppertal. Abschluss: Diplom-Ökonom
1988 – 1989 Doktorandenstudium an der Universität St. Gallen (HSG) seit 1989 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen
1992 – 1996 Dissertationsprojekt „Das Prinzip Markt“
1996 Promotion zum Dr. oec (HSG) an der Universität St. Gallen
1996 – 1997 Habilitationsstipendiat des Schweizer Nationalfonds
1996 – 1997 Visiting Scholar am Department of Economics der American University, Washington D.C., USA; sowie am Department of Economics der University of East London
seit 2001 Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen
2001 – 2007 Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität St. Gallen (Assessmentstufe)
seit 2003 Lehrbeauftragter für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen (Bachelor- und Masterstufe)
Seit 2005 Associate Professor of Business Ethics der Graduate School of Management der Universität Educatis
2008 Abschluss des Habilitationsmanuskripts „Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept“ (Dezember 2008)

Warum ich bei der Integrativen Wirtschaftsethik „dabei“ bin
Bereits vor (!) meinem Studium beschlich mich als Gymnasiast die Intuition, dass da irgendwas falsch ist mit dem Markt – heute würde ich sagen: mit dem „Prinzip Markt“, damit, dass dieser doch so „friedlich“ und allseitig vorteilhaft erscheinende „Mechanismus“ eben nur als solcher erscheint und somit nicht in den Status eines übergreifenden „Prinzips“ zu erheben ist.

Mit einem ganzen Rucksack voll eher unklarer Fragen traf ich dann die Wahl für mein Studium, die Wirtschaftswissenschaften – an sich eine Verlegenheitsentscheidung, ein „Brotstudium“. Die Wahl meines Studienortes, die Bergischen Universität Wuppertal – der Nachbarort meiner Heimatstadt –, stellte sich in gewisser Weise als Glücksfall heraus. Denn dort herrschte damals ein ausserordentlich freier, suchender Geist, der sich aus einer Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden „neoklassischen“ Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften ergab: Watzlawik oder Habermas in Vwl! Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen. Konzepte einer „Kritischen Bwl“. Das war alles ganz normal an der Bergischen Universität damals.

In Wuppertal traf ich Peter Ulrich, der dort damals ein wenig der „Star“ war, da er die Managementlehre mit einer kritischen – heute würden wir sagen: mit einer ökonomismuskritischen – Perspektive verband. Er wurde bald nach St. Gallen wegberufen – auf einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik. Der Begriff spielte im Studium überhaupt keine Rolle. Aber mir war sofort klar: Das ist es, wonach wir hier (in Wuppertal) im Kern immer gesucht hatten: Eine ethisch begründungsfähige Sicht (statt eine ideologisch verkürzte oder beschönigende) auf das Wirtschaften. – Meine Diplomarbeit war gut genug, dass mich Peter nach St. Gallen folgen liess.

Meiner Intuition konnte ich hier in St. Gallen systematisch auf den normativen Grund gehen – was im „Prinzip Markt“ mündete, meiner Promotionsarbeit, in der ich zeige (oder meine zeigen zu können), dass ein zum Prinzip erhobener Markt auf eine „Ethik“ des Rechts des Stärkeren hinausläuft. In der Habilitationsschrift „Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept wird dieser Gedanke im Kern vertieft und differenziert angesichts ethisch zumindest auf den ersten Blick starker Argumente, die im Wettbewerb ethisch vorzugswürdige Eigenschaften erblicken wie die Freiheit von „Diskriminierungen“, die Abwesenheit von „Marktmacht“ oder ihn als Garant eines „Wohlstands für alle“ fassen. Leider treffen diese Zuschreibungen auf den Marktwettbewerb, so wir ihn recht verstehen, nicht oder jedenfalls nicht so ohne Weiteres zu.

Was aktuell mein wichtigstes Projekt ist
Ich verstehe Wirtschaftsethik nicht als L’art pour l’art, nicht als Elfenbeinturmwissenschaft, sondern als Aufklärungsprojekt. Das heisst nicht, dass die hochspezialisierten Expertendiskurse, die Wissenschaftler führen (oder führen sollten…) unbedeutend wären – ganz im Gegenteil! Doch münden sie doch letztlich in der Aufklärung der Praxis. Die wissenschaftlichen Diskurse sind sinnlos, wenn sie nicht das Denken, das die Praxis bewegt, orientieren – das Denken der unternehmenspolitischen und wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger ebenso wie letztlich das der Bürger. Und es gibt eine ganze Menge aufzuklären. Denn unsere Denken über das Wirtschaften ist nach wie vor weitgehend von ökonomistischen Annahmen und Hintergrundannahmen geprägt.

Diese Marktgläubigkeit, die wirtschaftsethisch nicht haltbar ist, ist mit dem Finanzmarktkrise auch praktisch und sichtbar gescheitert. Immer mehr Menschen beschleicht ein Unbehagen gegenüber dem Markt. Doch was genau ist falsch am „freien“ Markt? Dies möchte ich in einem Buch, welches sich an die breitere Öffentlichkeit wendet, zeigen. Es trägt den Arbeitstitel „Das Ende der Marktgläubigkeit. Eine wirtschaftsethische Entdeckungsreise“ und wird beim Westend Verlag im Herbst 2009 erscheinen. Worum es geht, umreisst der Ankündigungstext:

„Die Finanzkrise hat das Ende der Marktgläubigkeit eingeläutet. Damit haben die Versuche der ökonomischen Eliten, „mehr Markt“ zu predigen, weiter an Glaubwürdigkeit verloren. Doch was kommt danach? Es fehlt eine systematische und visionäre Perspektive, um das verbreitete Unbehagen gegenüber der fortschreitenden Ökonomisierung unseres Lebens klarer zu fassen. Was ist falsch am „freien“ Markt ? Warum ist die Marktgesellschaft keine gute Gesellschaft?

Die wirtschaftsethische Entdeckungsreise, die Ulrich Thielemann unternimmt, bietet eine solche Perspektive. Diese lässt uns den Markt besser und distanzierter verstehen. Sie entlarvt die Wohlstandsmythen, die die Mehrheit der Ökonomen verbreiten. Sie gibt eine prägnante Einführung in die Ethik und weist bereits damit Homo oeconomicus als Modell zurück. Sie klärt, warum der „freie“ Markt zur Unfreiheit führt. Sie räumt mit dem verbreiteten Vorurteil auf, dass sich „Ethik“ langfristig auszahle. Und sie zeichnet die Vision einer sozialen Marktwirtschaft, die von der Integrität ihrer Akteure getragen ist. Diese gilt es im globalen Wettbewerb zu erneuern. Damit bietet sie marktkritische, aber nicht marktverneinende Orientierungen, für die gerade heute ein starkes Bedürfnis besteht.“

Publikationen

  • Wettbewerb als Gerechtigkeitskozept, 2010

System Error, 2009 St. Galler Beitraäge (Buchreihe Hauptverlag)
Stadards guter Unternehmensführung, 2009
Brennpunkt Bankethik, 2003
Das Prinzip Markt, 1996
Ethik und Erfolg, 1992