Herbstsemester 2020 abgesagt

Liebe Freundinnen und Freunde,

vor diesen Zeilen haben wir uns gefürchtet, und Sie wissen jetzt auch schon, was folgt: Schweren Herzens müssen wir auch das kommende Semester absagen. Es hätte am 21. September (für die Abonnent*innen des „Kleinen Montagsforum Abos“ am 20. September) begonnen. Wir hatten uns die Eröffnungsworte schon zurechtgelegt. Aber zwischenzeitlich hat die Pandemie wieder die Regie übernommen. Die Infektionszahlen steigen unablässig. Wir haben Virologen zurate gezogen und als Antwort erhalten, dass wir am Beginn einer neuen Welle stehen. Die Gesundheit unserer Hörerinnen und Hörer aber bleibt höchstes Gut. So haben wir uns heute entschieden, das Herbstsemester nicht zu eröffnen.

Wir tun das nicht, weil eine Verordnung der Regierung uns dazu gezwungen hätte. Das war im Frühjahr der Fall. Um es salopp zu formulieren: Diesen Gefallen tut uns die Regierung nicht mehr. Allen ist klar, dass der Geduldsfaden vieler Menschen zum Zerreißen gespannt und oder bereits gerissen ist. Das begründet vermutlich auch das Chaos der Ampelfarben. Deshalb erhalten alle Mitgestalter des öffentlichen Lebens von den Regierenden auf Landes- und Bundesebene derzeit lediglich „Empfehlungen“, die uns aber mit flehendem Unterton ans Herz gelegt werden.

Empfohlen wird uns, allen unnötigen Risiken aus dem Weg zu gehen, Veranstaltungen, wenn überhaupt, so klein wie möglich zu halten, private Kontakte zu minimieren, und das alles noch eine ganze Weile. Für das Montagsforum bedeutet das, dass wir auch mit den getroffenen Sicherheitsvorkehrungen und 350 gebuchten Plätzen (80 beim „Kleinen Montagsforum Abo) nicht auf der sicheren Seite sind. Aber das wollen und müssen wir sein. Deshalb gehen wir ein zweites Mal zurück an den Start und werden uns in Geduld üben. Wir bitten Sie inständig, uns die Treue zu halten, weil wir die Hoffnung nicht aufgeben. Wir alle wussten, dass der Herbst schwierig sein würde. Nun ist er es geworden und unsere Zuversicht ruht im kommenden Jahr.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit und einem herzlichen Dankeschön für jedes aufmunternde Wort, das uns in diesem beispiellosen Jahr erreicht hat und uns hoffentlich noch erreichen wird

verbleiben wir mit herzlichen Grüßen

Ihr MONTAGS F O R U M Team

 

Herbstsemester 2020

Liebe Abonnentinnen und Abonnenten,

oh, wir hatten hoch oben angesetzt: Musste ein Semester über das Wissen nicht wenigstens mit Goethes Faust übertitelt und von einem Philosophen der Aufklärung eingeleitet werden? „Doch möcht’ ich alles wissen …“ Herrlich roch das nach alten Folianten, ein Pfeifchen schmauchend, den Cognac angewärmt und griffbereit … Und dann, ehe wir uns in den Lehnsessel sinken lassen, der Hammerschlag: „Wissen ist Macht.“ Alles gesagt. So einfach ist das. Also ran an …

… ja, wo ran eigentlich? An die Genugtuung, dass klüger sein als andere schlicht Freude macht? Da hatte die Corona-Pandemie unseren Alltag schon durcheinandergewirbelt und uns allesamt auf höchst bedürftigem Niveau zurückgelassen: Waren wir noch immer wissbegierig? Aber wie! Wissen, wie das alles ausgehen wird, wäre fein gewesen. Oder wer sich schon infiziert hat – auch nicht schlecht! Ob die Wirtschaft das aushält? Wann Kinder und Enkel wieder zu Besuch kommen dürfen? Wie abnormal wird sich die neue Normalität wohl gestalten? Und vor allem: Wie brüchig wird sie sein?

Das alles trieb uns um. Über Nacht hatte das Wissen existentielle Züge angenommen. Der alte Goethe im Regal konnte schon froh sein, wenn er nicht auch desinfiziert wurde im Vorübergehen. Und Francis Bacon? Der streicht über seinen Spitzbart und schaut uns unverwandt an. Herausfordernd, gewissermaßen. Denn seinen Gedanken von der Macht des Wissens hat er 23 Jahre später 1620 noch einmal niedergeschrieben, aber diesmal ausführlicher: „Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache über deren Wirkung täuscht.“

Hat uns der kleine Virus nicht ausreichend Zeit in die Hände gespielt, um über die Ursache der Krise nachzudenken? Auf dass wir wieder wirkmächtig werden statt ohnmächtig? Nun denn: Wissen 2.0. Wir gehen’s noch mal an. Sie sind doch dabei, oder?

Thomas Matt