Irena Brezná

Irena Breznà, geboren 1950 in der Slowakei, aufgewachsen in Trencin, Abitur in Bratislava. 1968 Emigration mit den Eltern in die Schweiz. 1975 Abschluss der philosophischen Fakultät (Slawistik, Philosophie und Psychologie) an der Universität in Basel. Arbeitet als Russischlehrerin, Uebersetzerin und Gerichtsdolmetscherin aus den slawischen Sprachen und 10 Jahre lang als Psychologin bei psychologischen Forschungsinstituten in München und Basel. Zunehmend tätig als freie Journalistin und Autorin.

Sie veröffentlicht in der deutschsprachigen Schweizer Presse (Neue Zürcher Zeitung, Die Weltwoche, Annabelle, Berner Zeitung, Tages-Anzeiger, Tagi-Magi, WOZ u.a.), in Deutschland (Freitag, Merian, Frankfurter Rundschau, Zeit-Magazin, Süddeutsche Zeitung, Berliner Zeitung, Badische Zeitung) wie auch in der Slowakei (Aspekt, SME, OS, Kulturny zivot) und arbeitet mehrere Jahre lang als Schweizer Korrespondentin des slowakischen Senders Free Europe und Deutsche Welle. Für den deutschsprachigen Rundfunk schreibt sie regelmässig Reportagen, Essays und ein Hörspiel (DRS, WDR). Für ihre Arbeit wird sie in der Schweiz, in Deutschland und in der Slowakei mit neun Preisen für Publizistik und Literatur(zuletzt 2002 mit dem Theodor-Wolff-Preis in Berlin) gewürdigt (siehe Preise). Etliche Male erhält sie Werkbeiträge von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und von der Literaturkreditkommission des Kantons Basel-Stadt und Basel-Land. Ihre Beiträge erscheinen in Anthologien und Literaturzeitschriften (Transatlantik, Drehpunkt, Kafka, Podium, Entwürfe, Individualität, Poesie u.a.)
Sie engagiert sich immer wieder unentgeltlich in verschiedenen Bereichen. Als Koordinatorin von Schweizer Gruppen der Gefangenenorganisation Amnesty International setzt sie sich 12 Jahre lang in den 70-er und 80-er Jahren für die Freilassung sowjetischer politischen Gefangenen ein. Sie hilft Oppositionellen in Mittel- und Osteuropa (u.a. dem Moskauer Zentrum für die Reform des GULAGs), ist tätig bei der Gründung der ersten slowakischen feministischen Frauenzeitschrift Aspekt dabei, macht Foundraising für viele tschetschenische Frauenprojekte, sammelt Werke der Weltliteratur und Unterrichtsbücher für Schulen im westafrikanischen Guinea und gründet in der Stadt Mamou eine Bibliothek.

Während des ersten Tschetschenien-Krieges (1994-96) und in der kurzen Unabhängigkeitsphase (1996-98) besucht sie mehrmals das zerstörte Land und berichtet seitdem in mehr als 80 Texten über die dort begangenen Greueltaten und über die Friedensarbeit der tschetschenischen Menschenrechtlerinnen und tritt an Veranstaltungen und internationalen Konferenzen in Deutschland, Italien, Frankreich, Oesterreich, in der Schweiz und in der USA auf. Während des Kosovo-Krieges arbeitet sie mehrere Monate lang in der Kosovo-Beratungsstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes in Basel.

Immer wieder thematisiert sie die Fremde und das Unrecht und setzt sich mit Entfremdung und Grenzüberschreitung auseinander.

Die erste Verarbeitung der slowakischen Kindheit und der Emigration erscheint im Büchlein Slowakische Fragmente, Mondbuch-Verlag, 1982 in Basel – der Text wurde für eine zweistündige Radiosendung im DRS geschrieben.

Mit dem quineanischen Autor Alpha Oumar Barry schreibt sie zusammen (Französich-Deutsch) das Jugendbuch Biro und Barbara, Zytglogge-Verlag, 1989, Bern, das sich auf eine poetische Art gegen Rassismus richtet.

Ihre Reportagen und Erzählungen über die schwarz-weisse Liebe erscheinen im Sammelband Karibischer Ball, eFeF-Verlag, Bern 1991.

Über die versteckte Fremde der Prosaikerin erzählt ihre Novelle Die Schuppenhaut ,eFeF-Verlag, 1989 in Zürich.

Ihre ersten literarischen Reportagen aus Mittel- und Osteuropa nach der Wende erscheinen gesammelt unter dem Titel Falsche Mythen, eFeF-Verlag, Bern 1996.

Die aufrüttelnden Kriegsreportagen über Frauen in Tschetschenien erscheinen im Sammelband Die Wölfinnen von Sernowodsk, Quell-Verlag, Stuttgart 1997.

In ihrem letzten Sammelband Die Sammlerin der Seelen, Unterwegs in meinem Europa, erschienen 2003 beim Aufbau-Verlag in Berlin, greift sie nicht nur ihr Grundthema Heimat und Fremde wieder auf, sondern führt uns vor allem in ein sich neu strukturierendes Ost- und Mitteleuropa (auch wieder Tschetschenien) hinein.

In der Slowakei erscheinen ihre Texte in zwei Büchern: Psoriaza, moja laska, Archa, 1990 Tekuty fetis, Aspekt, 2005

Ihr Bekenntnis zum Weltbürgertum, die Hoffnung auf transkulturelle Selbstverständlichkeit, ihre sinnliche und gleichsam analytische Sprache eröffnen neue Räume. Der Übertritt aus dem Slowakischen einer verstummten Emigrantin in die deutsche Schreibsprache ist einer allmählich gewachsenen neuen Lunge vergleichbar: „Meine Auferstehung in der deutschen Sprache ist das einzige Haus, das ich aufgebaut habe, die Worte sind meine gestalteten Dinge.“ (Falsche Mythen)

Zunehmend verlässt sie das knappe Reagieren auf das Weltgeschehen und wendet sich der langen literarischen Form zu. Aus der Verarbeitung ihrer kommunistischen Kindheit ist ein neuer Roman entstanden, der (hoffentlich) bald bei einem (guten) Verlag erscheinen wird. Auch seine Verfilmung wird angestrebt.