Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Reinhard

Geboren 10. April 1937 in Pforzheim, humanistisches Gymnasium in Pforzheim und Freiburg, Abitur in Freiburg März 1956.
Studium der Geschichte, Anglistik und Geographie in Freiburg und Heidelberg 1956-1962. Erstes Staatsexamen 1962, Promotion in neuerer Geschichte bei Erich Hassinger in Freiburg 1963 über Die Reform in der Diözese Carpentras, nach Sprachassistententätigkeit an der Ardwyn Grammar School Aberystwyth und Referendariat zweites Staatsexamen 1964.
1964-1966 Schuldienst am Kepler-Gymnasium und am Abendgymnasium Freiburg, Schulentwicklungsreferent am Oberschulamt Südbaden.

1966-1973 Forschungsstipendien der Görres-Gesellschaft, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Fazit-Stiftung, 1966-1970 in Rom. Edition der Korrespondenz des Kölner Nuntius Antonio Albergati 1610-1614 und Verfassen der Habilitationsschrift Familie und Klientel I, einer Studie über Nepotismus und Papstfinanz 1605-1621. Material für Teil II über Patronage und Politik gesammelt.
Habilitation für neuere und neueste Geschichte in Freiburg 1973.
1973-1977, Lehrstuhlvertreter, Universitätsdozent und vorzeitig außerplanmäßiger Professor in Freiburg.

1977-1990 Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, seit 1986 als erster in Deutschland für neuere und außereuropäische Geschichte an der Universität Augsburg.
1979-1983 Vorsitzender der Magisterprüfungskommission, 1983/84 Dekan der Philosophischen Fakultät II, 1984/85 und 1988/89 Wahlsenator der Universität Augsburg.
1981-1987 Mitglied der Senatskommission für Humanismusforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Vorbereitung und Durchführung von zwei einschlägigen Fachtagungen 1983 und 1987.
1985/86 Visiting Professor an der Emory University in Atlanta/GA, USA. Ruf auf einen hochdotierten Woodruff Chair dieser Universität aus privaten Gründen abgelehnt.
1987-1989 stellvertretender Direktor des Spanien- und Lateinamerikainstituts der Universität Augsburg.
1988-1992 Leiter einer Forschergruppe von 15 HistorikerInnen aus 11 Ländern zum Thema Power Elites and State Building des Projekts The Origins of the Modern State in Europe der European Science Foundation. Organisation und Durchführung von fünf internationalen Fachtagungen dazu. Ergebnisse 1996 bei Oxford UP veröffentlicht.
1988-2002 Mitglied des Beirats des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Organisierte 1998 deutsche Forschung im jetzt erstmals zugänglichen Archiv der römischen Inquisition.

1990-2002 Lehrstuhl für neuere Geschichte in Freiburg.
1991/92 Dekan der Philosophischen Fakultät IV und Sprecher des Gemeinsamen Ausschusses der Philosophischen Fakultäten.
Oktober 1991 gemeinsam mit dem Soziologen Peter Waldmann vorbereitete und durchgeführte Tagung Nord und Süd in Amerika. Gemeinsamkeiten, Gegensätze und der europäische Hintergrund mit 90 TeilnehmerInnen aus drei Kontinenten. Beiträge 1992 veröffentlicht.

Mitherausgeber der Zeitschriften Periplus und Saeculum, der Reihen Historiae, Historische Anthropologie, Menschen und Kulturen, Päpste und Papsttum.
1997/98 Stipendium des Historischen Kollegs München. Beide dort erarbeiteten Bücher Geschichte der Staatsgewalt und Verstaatlichung der Welt? 1999 veröffentlicht.
1998 erster Vorsitzender des Instituts für Historische Anthropologie e.V. Zusammen mit dem Soziologen und Ethnologen Justin Stagl Vorbereitung und Durchführung von drei Fachtagungen in Wien: Die Grenzen des Menschsein I (1999) und II (2001) sowie Wirtschaftsanthropologie (2003).
1998 Herausgeber von Teil III (Frühe Neuzeit) der zehnten Auflage des Handbuchs der deutschen Geschichte von Bruno Gebhardt, die seit 2001 erscheint.
November 2001 Überreichung des Preises des Historischen Kollegs durch den Bundespräsi- denten.
30. September 2002 Emeritierung.

Verfasser von 19, Herausgeber von 20 Büchern, Verfasser von 160 unselbständigen Veröffentlichungen.

Betreuer von 40 Promotionen und neun Habilitationen.

Mitglied der Accademia di San Carlo Milano und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, corresponding fellow der British Academy.

2003/04 Jean-Monnet-Fellow am European University Institute Florenz für eine Prosopographie der Römischen Kurie 1605-1621.

September-Dezember 2004 Gast des Rektors am Netherlands Institute for Advanced Studies in Wassenaar.

Seit 1. Oktober 2005 Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt Forschungsprojekt: Interkulturalität und Transkultu- ralität

Es geht mir seit 1973 um die Interaktion zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen in Geschichte und Gegenwart, insbesondere im Kontext der europäischen Expansion und der christlichen Mission (vgl. meine Untersuchung „Gelenkter Kulturwandel im 17. Jh.“ 1976/1997). Dabei kommt es heute im Zeichen der „kulturellen Globalsierung“ mehr den je auf Gruppen transkultureller Orientierung und transkulturelle Phänomene an. Im Augenblick handelt es sich um folgende Vorhaben mit deren Verästelungen:

a) New World History III: Reichsbildung und maritime Interaktion 1350-1750
Der Band wird nach den großen Kulturregionen gegliedert. Sein Schwerpunkt liegt auf kultureller Interaktion zwischen und natürlich auch innerhalb von diesen, denn sie werden nicht als homogene „Kulturkreise“, sondern als Netzwerke intensiver Binneninteraktion betrachtet. Diese Intensität unterscheidet sie von ihrer Umwelt, mit der sie natürlich auch interagieren. Neben der Bandherausgabe und der Autorenbetreuung sind eine Einleitung und eine vergleichende Zusammenfassung zu schreiben.

b) Kolonialreiche
Eine Neubarbeitung der „Geschichte der europäischen Expansion“, jetzt in einem Band neu organisiert ähnlich wie die „Kleine Geschichte des Kolonialismus“. Dabei ist zentral nach wie vor der Aspekt des Kulturkontakts in den verschiedenen Erdräumen. Neu ist die stärkere Berücksichtigung der Aktivitäten der „Anderen“ unter dem Gesichtspunkt der Aneignung und der kulturellen Globalisierung, neu die Auffassung des Kolonialismus als bloße Variante von Reichsbildung und Reich, einschließlich Problem der (Un-)Möglichkeit von Reichen in der Gegenwart. IT-Vorarbeiten dafür wurden am MWK bereits geleistet.

c) Die fünf Pfade der abendländischen Hermeutik
Hier geht es um die Leitung (zusammen mit Peter Walter, Freiburg) eines Projekts der Gerda Henkel Stiftung am MWK, in dem Meinrad Böhl und Matthias Jung ein zur Hälfte bereits erarbeitetes Handbuch der abendländischen Hermeneutik in den Bereichen Literatur – Bibelexegese – Rechtsauslegung – Geschichtsschrei- bung – Philosophie fertig stellen werden. Dieses Vorhaben gehört in den Zusammenhang von Interkulturalität und Transkulturalität, insofern es gezielt den Ausgangspunkt für ein groß angelegtes, von Michael Friedrich, Hamburg, geleitetes Vorhaben darstellen soll, das sich die vergleichende Untersuchung jüdischer, abendländischer, islamischer, hinduistischer, buddhis- tischer, konfuzianischer und japanischer Textkulturen vorgenommen hat. Als Zwischenbilanz dieses Gesamtprojekts wurde am MWK bereits das Buch „Sakrale Texte“ [Arbeitstitel „Textkultur und Lebenspraxis“] erarbeitet.

Publikationen

Buchveröffentlichungen:

  • 1) Die Reform in der Diözese Carpentras unter den Bischöfen Jacopo Sadoleto, Paolo Sadoleto, Jacopo Sacrati und Francesco Sadoleto 1517-1596 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 94), Münster 1966.
  • 2) Nuntiaturberichte aus Deutschland. Die Kölner Nuntiatur. Hrsg. durch die Görres-Gesellschaft. Bd.V/1/1-2: Nuntius Antonio Albergati (1610 Mai -1614 Mai), Paderborn 1972.
  • 3) Papstfinanz und Nepotismus unter Paul V. (1605-1621). Studien und Quellen zur Struktur und zu quantitativen Aspekten des päpstlichen Herrschaftssystems (Päpste und Papsttum 6/I-II), Stuttgart 1974.
  • 4) Freunde und Kreaturen. Verflechtung als Konzept zur Erforschung historischer Führungsgruppen. Römische Oligarchie um 1600 (Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universität Augsburg 14), München 1979.
  • 5) Mit Hans Fenske/Dieter Mertens/Klaus Rosen
    Geschichte der politischen Ideen von Homer bis zur Gegenwart, Königstein 1981, 2. Aufl. Frankfurt 1987, 3. Aufl. Frankfurt 1996; 4. Aufl. Frankfurt 2003.
    italienische Übersetzung: Il pensiero politico moderno, Bologna 2000.
  • 6) Hendrik Witbooi. Afrika den Afrikanern. Aufzeichnungen eines Nama-Häuptlings aus der Zeit der deutschen Eroberung Südwestafrikas 1884-1894, Bonn 1982.
  • 7) Geschichte der europäischen Expansion. Bd.1: Die Alte Welt bis 1818, Stuttgart 1983;
    italienische Übersetzung: Storia dell’espansione europea, Neapel 1987.
  • 8) Geschichte der europäischen Expansion. Bd. 2: Die Neue Welt, Stuttgart 1985.
  • 9) Geschichte der europäischen Expansion. Bd. 3: Die Alte Welt seit 1818, Stuttgart 1988.
  • 10) Geschichte der europäischen Expansion. Bd.4: Dritte Welt Afrika, Stuttgart 1990.
  • 11) Mit Petra May-Neher
    Die alltägliche Conquista. Zwölf Briefe des Pedro de Valdivia von der Eroberung Chiles 1545-1552, Frankfurt 1995.
  • 12) Kleine Geschichte des Kolonialismus, Stuttgart 1996;
    französische Übersetzung: Petite histoire du colonialisme, Paris 1997;
    italienische Übersetzung: Storia del colonialismo, Turin 2002.
  • 13) Parasit oder Partner? Europäische Wirtschaft und Neue Welt 1500-1800, Münster 1997.
  • 14) Ausgewählte Abhandlungen, Berlin 1997.
  • 15) Papauté, Confessions, Modernité, Paris 1998.
  • 16) Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999.
  • 17) Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Aufl., Bd. 9: Probleme deutscher Geschichte 1495-1806, Reichsreform und Reformation 1495-1555, Stuttgart 2001.
  • 18) Glaube und Macht. Kirche und Politik im Zeitalter der Konfessionalisierung, Freiburg 2004.
  • 19) Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie. München 2004;
    Broschierte Sonderausgabe : München 2006.
  • 20) Unsere Lügengesellschaft. (Warum wir nicht bei der Wahrheit bleiben), Hamburg 2006.
  • 21) Die Nase der Kleopatra. Ein Spaziergang durch die Weltgeschichte, Freiburg 2011.

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