Univ.-Prof. Dr.Dr. Eberhard Jüngel

geb. 1934 in Magdeburg

Studium der evangelischen Theologie an den Kirchlichen Hochschulen Naumburg/Saale und Berlin sowie an den Universitäten Zürich und Basel

1961 Promotion

1962 Ordination; im selben Jahr Habilitation im Fach Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin/Ost. Dort Dozent für Neues Testament, später für Dogmatik

Von 1966 bis 1969 Ordinarius für Systematische Theologie und Dogmengeschichte an der Universität Zürich

Seit 1969 Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Tübingen und Direktor des Instituts für Hermeneutik

Seit 1987 im Nebenamt Ephorus des Evangelischen Stifts Tübingen

Mitglied des Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Mitglied mehrerer in- und ausländischen wissenschaftlicher Akademien

Bibliographie (Auswahl):

Paulus und Jesus (1962, 6. Aufl. 1986)
Gottes Sein ist im Werden. Verantwortliche Rede vom Sein Gottes bei Karl Barth, eine Paraphrase (1965, 4. Aufl. 1986)
Unterwegs zur Sache. Theologische Bemerkungen (1972, 3. Aufl. 2000)
Gott als Geheimnis der Welt (1975, 6. Aufl.1992 )
Geistesgegenwart. Predigten I/II (1979)
Entsprechungen: Gott – Wahrheit – Mensch (1980)
Schmecken und Sehen. Predigten III (1983)
Unterbrechungen. Predigten IV (1989)
Wertlose Wahrheit. Zur Identität und Relevanz des christlichen Glaubens (1990)
Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens (1998, 3. Aufl. 1999)
Indikative der Gnade – Imperative der Freiheit. Theologische Erörterungen IV, 2000

Ein Theologe im Haus der Philosophie – das geht in Ordnung, wenn nur Philosophie und Theologie nicht zu einer Mixophilosophicotheologia vermengt werden. Deshalb hier einige Bemerkungen über den Unterschied inmitten der Gemeinsamkeiten beider Wissenschaften.

Der christliche Glaube tritt staunend ins Dasein. Und Staunen drängt zum Erkennen. Wer ins Staunen versetzt wird, will das Staunenerregende genauer kennenlernen. Er kann es nicht nur zur Kenntnis nehmen, er muß es erkennen, verstehen. Er kann sich mit einer bloßen notitia des erstaunlichen Faktums nicht zufrieden geben, er verlangt nach der cognitio dessen, was sein Staunen erregt. Das Staunen gilt deshalb seit alters als Anfang des Erkennens. Es gibt nach Platon keinen anderen Ursprung der Philosophie als das Staunen. Und Platons großer Schüler Aristoteles erklärt, daß jetzt und von Anfang an die Menschen wegen des Staunens zu philosophieren begannen. Auch im Falle der Offenbarung Gottes muß es, weil und insofern sie ins Staunen versetzt, von einer bloßen notitia dei zur cognitio dei kommen. Weil der Glaube staunend ins Dasein tritt, ist er von vornherein fides quaerens intellectum.

Die unbestreitbare Wissenschaft der theologischen und philosophischen Erkenntnis darf freilich nicht über den schon und gerade hier, am Anfang des Erkennens, auftretenden fundamentalen Unterschied hinwegtäuschen, der zwischen philosophischer und theologischer Erkenntnis besteht. Was Aristoteles für so staunenerregend hält, daß der Mensch zu erkennen und zu philosophieren anhebt, ist nämlich etwas, was die bisherigen Selbstverständlichkeiten stört: etwas, was nicht an seinem Ort ist oder zu sein scheint, ein ‚atopon‘. Es macht den Menschen ratlos, verlegen, es macht ihn zu einem Aporetiker und deshalb Staunenden. Es bringt ihm sein Nichtwissen zur Erfahrung. Um seinem Unwissen zu entfliehen (und nicht etwa um irgend eines praktischen Nutzens willen), fängt er folglich an zu philosophieren. Er sucht Wissen um des Wissens willen. Ziel des mit dem Staunen anfangenden Philosophierens ist folglich das Nicht-mehr-Staunen-Müssen, das nil miran. Am Ende des Erkenntnisprozesses hat der mit dem Staunen anfangende Philosoph das Staunen gründlich verlernt.

Genau das kann nun aber das Ziel theologischer Erkenntnis auf keinen Fall sein. Denn schon ihr Anfang, schon das Staunen, aus dem sie hervorgeht, ist von anderer Art als das Staunen, aus dem philosophische Erkenntnis hervorgeht. Nicht die Erfahrung eines ‚atopon‘ ruft hier das Staunen hervor, sondern die Erfahrung eines erhellenden Ereignisses, das die Finsternis der Welt und so auch die Finsternis der eigenen Unkenntnis und Erkenntnisblindheit durchbricht. Das Licht des Evangeliums der Herrlichkeit Christi führt nach neutestamentlichem Urteil den von diesem Licht erreichten Menschen ins Staunen. Dies, daß der Mensch an der Herrlichkeit Gottes im Glauben teilhaben soll und kann, erregt Staunen. Und da der Glaube in diese Herrlichkeit immer tiefer eindringen will und soll, da er selber – mit 2Kor 3,18 formuliert – von einer Herrlichkeit zur anderen geführt wird, kann das Staunen nicht abnehmen, sondern nur immer noch zunehmen. Ziel der aus dem Staunen über Gottes Offenbarung hervorgehenden theologischen Erkenntnis kann nicht das nil miran, sondern nur ein immer noch größer werdendes Erstaunen sein. So ist es zu verstehen, wenn der Apostel auf dem Höhepunkt einer theologischen Erkenntnisbemühung kat‘ exochen in einen das eigene Erstaunt-sein artikulierenden Ausruf ausbricht. O welch‘ eine Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes (Röm 11,33). Der Tiefe dieses Reichtums nachzudenken, ist die Aufgabe des Theologen – auch im Hause der Philosophie.

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