23. Mär. 2026, 09:30 - 11:30 Uhr

Jenseits von Gut

Tyranninnen, Vergewaltiger, Nazis, Pädophile, Serienmörderinnen …

Wer will sich mit solchen Kreaturen denn schon verbunden – geschweige denn eins – fühlen? Schauspielerinnen und Schauspieler wollen das. Rein beruflich natürlich. Sie sind fasziniert vom Menschen. In seiner ganzen Bandbreite. Von Gut bis Böse. Sie wollen wissen, wie er funktioniert. Wie er tickt. Wie er werden konnte, wer er ist. Im Rahmen ihrer Rollen legen sie, wenn nötig, auch ihre Scheu vor dem vermeintlich Monströsen ab. Wenn es ihnen auch nie gelingen wird, »eins« mit ihren Rollen zu werden, versuchen sie zu­mindest, sich ihnen so weit wie möglich zu nähern. Dabei dürfen sie den Menschen, den sie darstellen, niemals verur­teilen – egal, wie böse dieser auch sein mag. Zumindest nicht, während sie ihn spielen. Täten sie es, verharrten sie auf der Metaebene, sie blieben zu sehr im Schauspiel und wären zu wenig Figur.

Im Spiel haben Schauspielerinnen und Schauspieler die Möglichkeit, sich temporärer jenseits ihrer moralischen Denkmuster zu bewegen, sich in tiefste seelische Niederungen abzuseilen, zu versuchen, das Undenkbare, das Ungeheuerliche zu verstehen, es nachzuvollziehen und sogar nachempfinden zu lernen. Das fordert ihnen höchstes Einfühlungsvermögen ab, niemals jedoch, das Verstande­ne, das Nachvollzogene, das Nachempfundene auch entschul­digen zu müssen.

Wer im geschützten Rahmen des Spiels so in seine eigenen Abgründe schauen darf, der schärft seine Sinne. Nicht nur für das Böse in den anderen, sondern auch für die Möglichkeit des Bösen in sich selbst. Dieser Mensch spricht dem Bösen nicht mehr das Menschliche und dem Menschen nicht mehr das Böse ab. Er versteht, dass wir nicht leichtfertig mit unserem Anspruch auf das Gute umgehen dürfen. Dass das Böse überall lauert. Und dass das Gute uns etwas abfordert.