06. Mai 2019

Kein Ende von „Heimat“. Mutmaßungen und Überlegungen zum Eigenen und zum Fremden

‚Heimat‘ wird oftmals als schierer Gegensatz zu ‚Fremde‘ gedacht. Viel eher scheint es sich aber um komplementäre Begriffe zu handeln. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass mit beiden Begriffen Relationen und Beziehungen bezeichnet werden. Dabei befinden sich Heimat und Fremde auf zwei Extrempolen einer Skala. ‚Fremdheit‘ bedeutet im Extremfall, über keine Beziehungen im Kontext einer kulturellen Entität zu verfügen, ‚Heimat‘ hingegen, sich womöglich in einem Übermaß von Verpflichtungen und Beziehungen zu befinden, die den Austausch mit Fremdem unmöglich machen. Die nicht endende Diskussion um Heimat und ihre Nutzung in politischen Auseinandersetzungen haben aber auch mit dem Gegensatz von offen und geschlossen, von Dynamik und Stabilität zu tun. ‚Heimat‘, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein mobilisierender Begriff, ist attraktiv, weil sie Kompensation für die Unsicherheiten der Moderne verspricht. Die Lederhose und das Dirndl als Antwort auf die unübersichtliche Welt im Laptop. Demokratische Kulturen zeichnet aus, wie sie ‚Heimat‘ und ‚Fremde‘ austarieren. Will man der ‚Heimat‘, ungeachtet der historischen Belastung des Begriffs, etwas Positives abgewinnen, so beschreibt sie die Fähigkeit des Menschen, sich Räume anzueignen, zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Ein nicht-exklusiver Heimatbegriff schwächt die Aggression gegen die Anderen und lässt auch Fremde zu Einheimischen werden. Darin besteht die Überlegenheit offener demokratischer Gesellschaften gegenüber geschlossenen autoritären Systemen.